Tradition und andere Erfindungen: Zeitgenössische Kunst in Zimbabwe

Ein Programm des Kulturreferates der Landeshauptstadt München von Dezember 2011 bis März 2012

Von 01. Dezember 2011 bis 18. März 2012 zeigt das Kulturreferat in Kooperation mit verschiedenen Partnern ein umfangreiches Programm zur Kunst und Kultur in unserer Partnerstadt Harare. Die Schwerpunkte liegen auf Skulptur, Fotografie, Film und literarischer Performance. Workshops, Vorträge und Diskussionen sowie eine Ausstellung über die gesellschaftspolitischen Hintergründe im Land runden das Programm ab. Eine wichtige Rolle spielt seit je her die Villa Waldberta, das internationale Künstlerhaus der Landeshauptstadt München. So nimmt sie auch diesmal wieder drei Künstler aus Harare sowie zwei derzeit in England lebende Zimbabwer auf.

Kein Kontinent wird so stark auf „traditionelle Kultur“ reduziert wie Afrika – sehr zum Nachteil der zeitgenössischen Kunstszene in diesen Ländern. Traditionen schaffen Zugehörigkeit, grenzen aber auch aus. Sie wirken identitätsbildend und werden daher oft zur Durchsetzung von Machtinteressen instrumentalisiert. Bei genauerem Hinsehen entpuppen sie sich nicht selten als Konstruktionen, so wie die Steinbildhauerei-Bewegung in Zimbabwe, die lange (fälschlicherweise) mit mythisch-archaischen "Shona Traditionen“ in Verbindung gebracht und als „Shona Sculpture“ tribalisiert wurde. Der Titel der Reihe, eine Anspielung auf einen Aufsatz von T.O. Ranger (The Invention of Tradition in Colonial Africa, 1983), spielt auf diese Mechanismen und Strategien an.

Ein genauerer Blick lohnt sich indes. Viele Künstler suchen Anschluss an globale Kunstdiskurse und internationalen Austausch. Sie machen sich – solange der ökonomische Druck nicht ästhetische Zugeständnisse erfordert (Tradition verkauft sich gut!) – zunehmend frei von Erwartungen konservativer einheimischer Eliten oder eurozentrischen Zuschreibungen. „Origami“ heißt eine Serie von Arbeiten des Bildhauers Itai Nyamadzawo: Skulpturen aus Stein, die aussehen, als seien sie in japanischem Stil gefaltetes Papier. Ein Langzeitprojekt des Fotografen Calvin Dondo ist „New German Families“ übertitelt. Er fotografiert deutsche Familien, in denen Adoptivkinder aus anderen Kulturen leben. Während der europäische Blick auf afrikanische Lebenswelten als völlig normal gilt, lösen Dondos Bilder häufig Irritation aus. Noch ist man den Blick eines afrikanischen Künstlers auf Europa nicht gewöhnt, auch wenn er so ruhig und vorurteilsfrei präsentiert wird wie von Calvin Dondo. Bilder dieser Serie hat das Kulturreferat 2008 erstmals gezeigt. 2011 waren sie auf der Kunstbiennale Venedig zu sehen.

Auch die Politik bedient sich angeblicher Traditionen: „Zwei Bullen haben nicht auf einer Weide Platz“, so lautet die chauvinistisch-diktatorische Aneignung eines Sprichworts durch die Partei ZANU-PF. In seinem Gedicht Freedom Train, einem zornigen Kommentar zu den Ereignissen in seinem Land, schildert der Performance Poet Outspoken einen Zug mit Zielbahnhof Demokratie, der jedoch entgleist.Texte wie Performance-Stil von Outspoken demonstrieren Einflüsse aus Zimbabwe ebenso wie aus dem Geburtsland des Poetry Slams, den USA, und der globalen Spoken Word Szene.

Der Filmemacher Michael Raeburn begann mit seiner künstlerischen Arbeit, als Zimbabwe noch Rhodesien hieß und ein Apartheidsstaat war. Auch in seinen Filmen lassen sich immer wieder Bezüge zum Thema Tradition finden. Manchmal zerbrechen die Menschen an ihnen, wie in The Grass is Singing, manchmal nutzen sie sie zu ihrem Vorteil wie in der Kommödie Jit, und manchmal muss man sie als Filmemacher in ihrer ganzen Brutalität entlarven – und dafür das Land verlassen, unter Umständen auch zweimal, weil sich Geschichte wiederholt: wie bei Rhodesia Countdown und Zimbabwe Countdown.

Das Programm ist als PDF-Datei abrufbar unter www.muenchen.de/veranstaltungstipps.

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